Mein Freund liegt im Sterben!
Schon vor drei Tagen hatte mich die Nachricht von Noemi erreicht, aber bisher war ich wie gelähmt. Die Diagnose wurde mir von ihr nicht übermittelt; der Bote meinte aber, dass mein alter Freund und Kampfgefährte die Mitte des Jahres wahrscheinlich nicht überleben wird.
Mein Kampfgefährte .... .... wie lange ist dass schon her .... .... das müssten jetzt schon dreißig Jahre sein. Mein Gott, wie schnell doch die Zeit vergeht. Und schon tauchen die Bilder wieder auf, die ich längst vergessen glaubte: Erinnerungen an die Kämpfe, an die Gemetzel, an Gier nach Rache und Blut und die irren Augen der berauschten Kämpfer, an die Schreie und das Leiden und - mittendrin - Freundschaft und herzliche Brüderlichkeit. So gegensätzlich wie vieles dieser Zeit war, so ist - im Rückblick gesehen - vieles in meinem Leben gewesen. Aber die Erinnerungen verschwimmen immer mehr, je weiter die Ereignisse dazu zurückliegen.
An meinen Vater kann ich mich kaum noch erinnern. Burkhard war von Beruf Holzhändler und mit unserem Ochsenkarren fast nur unterwegs. Selbst wenn er mal nach Hause kam, war dort nicht sehr viel mehr los, denn ein großer Redner war er nie. Dafür hatte meine Mutter Gudula schon immer mehr zu erzählen. Es ist mir stets unbegreiflich geblieben, wie sie es fertig brachte, neben dem Waidanbau das Kleinvieh zu halten und nebenher uns Kinder zu gebären und zu erziehen. Sie war es auch, die uns unsere Namen gab: Das erste Kind war Ditmar ["der im Volk Berühmte"] , geboren im Frühsommer 881. Dann kam 883 Emelka ["die Erhabene"]. Als zweiter Sohn und drittes Kind kam ich im Jahre 884 in der zweiten Mitternacht nach Michaelis, also genau zwischen Scheiding und Gilbhard auf die Welt; Mutter nannte mich Frankward ["Hüter der Freiheit"]. Angeblich war mein Geburtstermin bei einigen der Weiber in unserer Siedlung ein böses Zeichen. Darum war vermutlich niemand überrascht, als im Frühling 887 Gebert ["der Gebefreudige"] bereits bei der Geburt etwas schwächlich war und nach einem halben Jahr, vermutlich an Beuschel, starb. Mitte August 889 kam dann mit Harman ["der Krieger"] wieder ein kräftiger Junge zur Welt.
Unsere Welt war die um unseren kleinen Hof am Waldsee zwischen Altenberga und Finsterbergen etwa 15 km südwestlich von Gothaha. Wir waren zwar nie wohlhabend, mussten aber selten hungern. Denn zum Glück gab es ja noch die Verwandten, so z.B. Tante Mechthilde aus dem Weiler Egenholdesbach und Oheim Wernher, ein Fuhrmann aus Selgenthal. Die meisten Bewohner der umliegenden Höfe, Weiler und Dörfer sahen mit Misstrauen auf uns herab, auf "die vom Waldsee".
Und dann kam Vater von einer Reise nicht wieder zurück: das war zu Beginn des Neblung im Jahre 891. Wir bekamen durch andere fahrende Händler Nachricht aus Wimares, dass er eine Fuhre nach Gera hätte - und danach keine mehr. Mutter heiratete nicht wieder, sondern steckte ihre Zeit und Energie in die Feldarbeit: Sie nutzte ab da alle Äcker, die sie geerbt hatte, und baute noch mehr Waid an. Die Weiterverarbeitung war uns nicht nur nicht erlaubt, sondern auch kaum möglich. Es kamen fast ständig fahrende Händler, überwiegend aus Erphesfurt, als Einkäufer für die geernteten Pflanzen vorbei. Diese brachten Mutter auch auf die Idee es mit Wau zu versuchen. Und so hatte unsere restliche Familie das ganze Jahr mit den Färberpflanzen Waid und Wau im Wechsel mit Hirse zu tun. Ditmar war Mutter stets eine große Stütze und hat sowohl den Hof als auch das Geschäft bisher recht gut halten können. Auch Emelka, ihr Mann und ihre Familie sind daran beteiligt.
Harman war, noch eher als ich, leider nicht der Sohn, wie Mutter es sich immer gewünscht hatte. Es wird nicht nur daran gelegen haben, dass ihm der Vater fehlte. Auch sonst war er ein Raufbold und Herumtreiber. Ja, er machte uns älteren Geschwistern sehr viel Ärger und Kummer und nebenbei auch noch bei uns allen Schulden. Eines Tages war er mit einigen seiner 'Freunde' auf und davon auf 'Wanderschaft in die Lehre'. Die letzten Mitteilungen über ihn besagen, dass er dem Grafen von Lothringen seine Dienste in dessen Heer empfohlen habe.
Da ich nie so "schlagfertig" war wie Harman, meinte Onkel Wernher 'so ein komischer Kerl wie der' müsste Priester werden. Tante Mechthilde griff erst den Gedanken auf, dann mich am Ohr und sorgte gleich nach Ostern 892 für die Unterkunft in der Schule bei den Mönchen im Michaeliskloster in Ohrdruf (ca. 15 km südl. von Gothaha) bei Bruder Bernard Mourus.
Und so lernte ich eine neue Familie kennen, die der Mönche des 'ordo santi verbi devini' - und ihrer Frauen und Familien. Der Priester, der aus Altenberga manchmal zu uns in die Waldsiedlung gekommen war, wirkte stets geschäftig und verteilte gnädig seine Frömmigkeit, die er vom 'Heiligen Johannisberg' mitgebracht zu haben glaubte. Wir Kinder hatten immer den Eindruck, dass er froh war, wenn er pflichterfüllt wieder von uns weg kam. Diese Menschen hier im Kloster dagegen strahlten mit natürlicher Einfachheit eine heitere Gelassenheit aus, wie ich sie auch auf meinen späteren Reisen nur ganz selten erleben durfte. Der Friede Gottes war hier keine klerikale Floskel, sondern gelebter Glaubensgrundsatz!
Die Gründungsbrüder des Ordens waren der Sage nach Schüler des Iren Kilian in oder um Würzburg im Jahre 687. Mein Mentor Bernhard selbst war Schüler von Rabanus Maurus. Wie dieser vertritt er die Anweisung an die Prediger, dem einfachen Volk verständliche Predigten zu halten. Im Gegensatz zur sonst stark mariengeprägten Mönchskultur pflegen die Brüder der Gemeinschaft wesentlich stärker den Umgang mit dem Wort unseres Herrn. Bis zum heutigen Tag prägen mich die drei Grundsätze 'sola fide' ('allein der Glaube', also das Vertrauen auf den Herrn Jesus Christus rettet), 'sola gratia' ('allein der Gnade' Gottes verdanken wir das) und 'sola scriptura' ('allein die Schrift' in Form der Bibel ist maßgeblich).
Es war nicht immer ganz einfach, nach einem arbeitsreichen Morgen auf dem Hof oder Feld und einer einfachen Mahlzeit an sechs Tagen in der Woche die ca. 10 km hin und abends wieder zurück zu gehen. Bei den Brüdern lernte ich zunächst Lesen, Schreiben und Rechnen; anfangs war es Neugierde, dann Ärger über das Nichtgelernte und Wiedervergessene und seitdem Freude über alles Neue was das Leben lebenswert macht. Bruder Bernhard lehrte vor allem die Vielfalt dessen, was uns unser Schöpfergott zur Verfügung stellt. Einer seiner Lehrsätze war: "So wie du bist, bist Du einzigartig - ebenso wie jedes deiner Mitgeschöpfe!". So wurden wir stolz darauf, ein Wesenszug Gottes zu sein und gleichzeitig demütig über die Größe der Aufgaben, die daraus erwachsen.
Ganz nebenbei bekamen wir Schüler Antworten auf die Fragen, die unsere Eltern nicht beantworten konnten (oder wollten). Vieles, was uns in unserer Heimat aufgefallen war, erklärten uns die Mönche: Heimatkunde, Geschichtskunde und Ethikunterricht in einem!
~ Wynfreth Bonifacius errichtete 724 die erste Kirche Thüringens auf dem Johannisberg
~ Bonifatius hatte auf dem Berg - einer heidnischen Opferstätte - gepredigt und
~ die Thüringer zum christlichen Glauben bekehrt
~ 726 gründete er unser Michaeliskloster (damals noch ein Bendiktinerkloster);
~ hier wurde 737 Wigbert (Wippertus) Abt und errichtete eine Schule für Glaubensboten in Thüringen
~ hier lebte Lullus (Diakon in der Germanenmission des Bonifacius) von 738 bis 740
~ auf dem Bergfriedhof wurden die Toten der umliegenden Orte (Altaberga, Chatervelt,
~ Egenholdesbach) begraben und
~ die Kinder zur Taufe in die Johanniskirche (die kleine Holzkirche) getragen
~ dort wurde 728 Graf Hugkos von der Käfernburg getauft
~ die zwei Quellen in Ortsnähe von Egenholdesbach waren für die alten Germanen heilige Orte
Dieses und vieles mehr ließ uns die Orte, die wir jeden Tag durchquerten, mit anderen Augen sehen.
Einige meiner Mitschüler begleiteten mich nur kurze Zeit, andere länger, wieder andere kamen dazu und gingen wieder. Manche der älteren traten in den Orden ein. Im Laufe der Jahre stellte ich mir immer öfter die Frage, ob das der Weg auch für mich sei?!
Seit über 200 Jahren bestand nun dieser Orden (der von keinem Papst als solcher anerkannt worden ist) an einem Ort, an dem die Benediktiner gewirkt hatten, aber das Kloster dann aufgeben mussten. Ob es nun Krankheiten, Überfälle, Überalterung oder andere Gründe waren, darüber schweigen sich die dürftigen Quellen aus. Die Auswirkungen des Wechsels sind augenfällig: Keine Heiligendarstellungen (1. Gebot) und nur Kreuze und kein Gekreuzigter (2. Gebot)!
Pietas und Mariendarstellungen sind ebenfalls hier nicht zu finden: Maria war zwar die Mutter des Menschen Jesus, ist aber nicht die Mutter Gottes. Und genau wie alle anderen Menschen, die gestorben sind, kann sie (für) uns nichts tun - weder nützen noch schaden.
Der Herr, unser Gott, ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden! (Mk. 12,27)
Die Ordensregel lehnt sich stark an die Engelsregel des Pachomius und daher auch teilweise an die Koinobitenvorschriften des Augustinus an. Letztere war auch nicht das Problem in den Gesprächen mit den diversen päpstlichen Vertretern. Bruder Bernard, wie ich ihn mittlerweile freundschaftlich nennen durfte, erläuterte mir einmal an einem beschaulichen Abend in den Obstwiesen:
Nur wenige Jahre nach Gründung unseres Ordens kam bei den Geschwistern der Wunsch auf, den Segen des 'Heiligen Vaters' zu erbitten und seine Approbation zu bekommen. Also schickten wir immer wieder eine Abgesandschaft nach Rom:
~ Sergius I. war stets auf Reisen und ließ nur sprodarisch verlauten, dass er sich um die Angelegenheit kümmern wird, wenn er wieder in Rom weilt; unsere Brüder konnten seiner nie angesichtig werden.
~ Konstantin I. war fast nur in Schlachten verwickelt; er hatte ständig gegen die Monotheleten und ihre Anhänger zu kämpfen und für unsere Sache weder Zeit noch Verständnis.
~ Gregor II. sandte Bonifatius zur Missionierung durch die teutschen Landen; dieser traf sich auch mit unseren Brüdern: Er verstand unsere Lebensweise als zu menschlich und empfahl uns dringend den Übergang zu den einzig wahren Brüdern im Herrn, den Benediktiniern!
~ Hadrian I. verstand den Wunsch unserer Brüder falsch; er wollte unseren Brüdern Gold und Heiligenbilder schenken, damit unsere Klöster (noch?) prächtiger würden; er schien sehr freigiebig, aber nicht ganz bei Bildung.
~ Leo III. war die meiste Zeit, in der unsere Brüder ihn suchten, auf der Flucht oder auf Reisen von und zu Kaiser Karl. Sein Begleitschutz unterstand dem Erzbischof von Mainz Richolf, der aber mehr mit seinen Prunkausstattungen beschäftigt war als mit unseren Anliegen.
~ Bendikt III. schien der Richtige zu sein: Er stritt für die Heiligung der Ehe und gegen den Sittenverfall (den ich selbst in Rom ansehen musste). Zu einer Unterredung kam es nicht, da er kurz nach meiner Ankunft auf unklare Weise starb.
~ Sein Nachfolger Nikolaus I. sorgte schnell für so viel politischen Wirbel, dass ich schnellstens von dort zurück reiste, bevor die kaiserlichen Truppen anrückten.
Aber was ich in Rom gesehen hatte, bestätigte alle Ausführungen der vorher dorthin gereisten Brüder: Intrigen, Korruption, Gier und Orgien allen ortens. Es scheint so, als ob es jeder, gleich ob Kleriker oder nicht, es darauf anlegt möglichst viele Gebote in möglichst kurzer Zeit in möglichst allen Abarten zu brechen! - Und je bedeutender der Würdeträger desto schlimmer! - Pfui!!!
Diese Menschen tragen den Namen Christus in ihren Titeln und schänden alles, für das er starb!
Solange sich diese Mißstände nicht grundlegend ändern, gibt es keinen Grund für uns beim 'Heiligen Stuhl' vorstellig zu werden. Die neusten Nachrichten sprechen dafür, dass wir auch weiterhin uns von Rom fernhalten werden: Papst Stephan ließ die vermoderte Leiche seines Vorvorgängers Formosus ausgraben, ihr den Schauprozess machen, sie verstümmeln und in den Tiber werfen! Wie tief kann ein Mensch denn noch sinken!! Und dieser Mensch soll als Vertreter Christi auf dem Stuhl Petri allen Christen als Vorbild dienen?!
Zum ersten Mal sah ich ganz erstaunt meinen sonst stets ruhigen und ausgeglichenen Lehrer sich in einen heiligen Zorn reden; eine Seite an ihm, die mich zunächst irritierte und dann doch sehr beeindruckte! Auch sonst beindruckten er und die Mitbrüder (und -schwestern) uns immer wieder durch seine / ihre Kenntnisse von Sprachen & Historie und deren Zusammenhänge, von Astronomie (da habe ich leider zu wenig aufgepasst) und Medizin (auch unter Einbeziehung des alten Wissens von den Menschen vor Ort)! Aber all dieses Wissen ordneten sie dem Dienst am Menschen, der dadurch in ihren Augen der Dienst für Gott (ein Gottesdienst) ist, unter. Ja, ich konnte es mir sehr gut vorstellen, dort zu leben, zu arbeiten, zu lernen und eines Tages auch zu lehren.
Es gibt neue und beunruhigende Nachricht: Mein Freund liegt im Sterben! Es geht im schlechter. Er hatte einen schweren Anfall!
Wenn ich so zurückblicke, muss ich feststellen, dass der Weg, der mich mit ihm zusammenführte mit dem Weg von Ohrdruf nach Altaberga begann. Das war Ende des Lenzings 899:
Auf unserem täglichen Nachhauseweg trafen wir, einige Mitschüler und ich, im Weiler Jurginthal auf einen Heerhaufen, der auf dem Weg nach Erphesfurt Rast machte.
Wir nahmen die Einladungen der Herren auf ein paar Schluck Bier gerne an und tranken fröhlich mit ihnen auf Konrad von Lahnau, den Markgrafen der Sorbenmark. Einer der Anführer hatte etwas Charismatisches an sich: Hinrich zu Wallenfels konnte seinen Erzählungen nach mindestens so tapfer kämpfen wie er saufen konnte. Da er jedoch des Lesen und Schreibens nur sehr eingeschränkt mächtig war, brauchte er jemanden wie mich als 'puer exercitus' in seinem Tross. - Mit der Annahme der Einladung waren wir in das Heer eingezogen worden und damit Soldaten! Andererseits hätte er uns auch ungefragt mitgenommen.
Unsere Schar marschierte im Namen von "Arnolph, dem geliebten König und Kaiser". Wir Jungen freuten uns auf ein mehrwöchiges Abenteuer und niemand ahnte, in was wir da hineingezogen worden waren. Wir kämpften gegen Slawen und Magyaren, Wegelagerern und Wölfe, Seuchen und Mücken, Regen und Hitze, Stürme und Kälte. In diesem Jahr führte uns Hinrich über Mersiburc, Chosebuz, den Handelsort Guben an der Neisse nach Posen. Nach einigen Verhandlungstagen ging es weiter nach Kalisch, durch Preßlau und Opole. Bei einem Überfall vor Krakau tötete ich zum ersten Male; es war ein silinger Slawe, der mir direkt in meine Lanze lief. Ab da wurde es mit jedem Male leichter, zum Schutze Hinrichs und meiner Person den Tod der Feinde in Kauf zu nehmen. Wir querten Ostrau und überwinterten in Bruen. Dort bekam ich in der Heiligen Nacht von Hinrich eines der erbeuteten Schwerter geschenkt.
Neu gestärkt, neu ausgestattet und im Namen des neuen Königs Ludwig zogen wir im Frühjahr 900 von Bruen über Iglau, Gumpolds, Horn, Eggenburg, Ernstbrunn nach Hainburg an der Donau. An der Festungsanlage von Theben vorbei wurden wir vor Preßburg in mehrere heftige Scharmützel verwickelt. Dabei wurde Hinrich derart verletzt, dass er das Kommando an seinen Schwager Ingmar abgeben musste und sich mit seinem Familienanteil am Beutegut und einigen Leuten auf den Nachhauseweg machte. Nach einigen Verhandlungen mit fürstlichen Gegnern von Großfürst Mojmír wuden wir mit Waffen, Pferden und Männern versorgt und zogen gegen einige kleinere magyarischen Truppen, die gegen Bayern zu kämpfen gedachten. Unser Weg führte uns immer weiter nach Südwesten über Wartberg und Niedermarkt bis nach Komorn. Der dortigen Übermacht an Magyaren und auch an Mücken wichen wir nach Norden aus, zogen an Schala und Schintau vorbei, bevor wir uns zum Winterquartier in Tyrnau verbargen.
Kaum war der Schnee im Frühjahr 901 geschmolzen mussten wir weiter; der Weg führte uns nach Pistyan. Späher berichteten uns von starken Truppen im Südosten und von Norden, so dass wir erst westwärts über Göding zogen, bevor wir uns nach Norden nach Weligrad durchschlugen. Niemand hat je harausgefunden, was in Ingmar vorging als er ein paar unserer Leute mit seinem Beuteanteil nach Hause sandte. Er zog mit uns wieder ostwärta ins Waagtal nach Trentschin. Entlang des Flusses kamen wir durch Puchau und Sillein. Unsere überraschenden Angriffe ließen den wenigen Bewaffneten kaum eine Chance. Einer der wenigen Überlebenden in Puchau war Karadschim, ein junger Schildknappe in meinem Alter. Da er (über)leben wollte, stimmte er dem Herrenwechsel zu, wurde in unsere Truppe aufgenommen und marschierte an meiner Seite. Entgegen dem Rat Ortskundiger befahl Ingmar den Weg weiter nach Osten entlang der Waag nach Vrutteck. Zerschunden gelangten wir durch Mücken und Schlamm und Geröll wirklich dort an. Kurz vor Zenthmarton geschah das für uns Überraschende: Wir wurden überfallen! --- Mit acht anderen, darunter Karadschim, überlebte ich das Gemetzel - Ingmar nicht. Wir Übriggebliebenen wurden über Priwitz, Haslan und Bossan nach Kowaritz gebracht, ich als Gefangener, er als Bewacher. Interniert wurden wir in der Burg Branck, durften den Ort nicht verlassen, waren aber ansonsten gut versorgt.
Karadschim nahm sich meiner an; wir waren in vielem grundverschieden, aber in grundsätzlichem wiederum unwahrscheinlich ähnlich. Auch sein Weg an den mährischen Hof hatte weit weg begonnen, am Danapros im Chasarischen Reich im Osten. Auf einer Handelsreise nach Weliko hatte er einen Überfall durch Magyaren als Knabe überlebt, wurde nach Halytsch verschleppt und dann als Geschenk für einen mährischen Fürsten nach Hont gebracht. In Nitra bekam er eine angemessene Bildung, wobei ein Rabbi ihn bis zu seiner Bar Mitzwah auch in seinen jüdischen Traditionen unterwies. Dann musste er jedoch in den Dienst eines minderen Ritter treten und landete dadurch schließlich in Puchau.
Durch seine Erzählungen lernte ich einiges über die Bedeutung des Kaschruth, des Pidyon ha Bechor und mancher anderer hoher Tage und vor allem seine Einstellung zu Blut und Leben. In Laufe der Gespräche durch den Tanach und über den Talmud wurden wir sehr gute Freunde und waren heilfroh, dass wir uns nicht gegenseitig umgebracht hatten. Vor allem merkte ich erst jetzt, dass die Mönche in Ohrdruf mir nicht nur Bildung und Wissen hatten zukommen lassen, sondern auch einen christlichen Samen in mein Herz gepflanzt hatten.
Zusammen mit Karadschim ließ ich die letzten zwei Jahr Revue passieren und erkannte zweierlei: Von dem Weg, den die Mönche für mich vorgesehen hatten, war ich weit abgewichen und auch die militärische Mission, den nahenden Feind vor unserer Heimat abzufangen, war zu einem Selbstzweck der Bereicherung geworden. Mein Freund erklärte mir, welcher Fürst wo wie zu den Brüdern und Feinden Mojmir und Sventopluk stand. Aus alledem wurde uns klar, dass wir von verschiedenen Parteien bestochen, belohnt, instrumentalisiert worden waren. Hinrich hatte sich damals zum Ziel gesetzt, die Slawenmark zu bewachen und Feinde, die unsere Städte und Lande bedrohen, aufzuhalten. Was den verschlossenen Ingmar angetrieben hatte, wird für immer sein Geheimnis bleiben. Und ein ehemaliger Feind, Mojmír, hatte sich just zu dieser Zeit mit unserem Frankenkönig Ludwig gegen den anderen Feind, die Magyaren, verbündet!
Meine Welt war aufgelöst: Ein Feind war nun unser Freund gegen einen Feind, der auch unser Feind war, und gegen einen andern Feind, der aber ebenfalls unser Freund ist?! Ich hatte Menschen getötet, zuerst aus Selbsterhaltungstrieb, dann auch um andere neben mir zu schützen und schließlich war es einfach und aus blindem Gehorsam. Mein Lehensherr war tot und mein ganzer Besitz außer meiner Kleidung mit Ausstattung war ein erbeutetes Schwert, das mich ständig daran erinnerte gegen welche göttlichen Gebote ich in den letzten Jahren verstoßen hatte. Unser großer Gott zog mich aus dieser Schwermut mit Hilfe meines neuen Freundes und seiner Freundin Noemi und auch deren Freundin Aranka. Überhaupt waren die Menschen von Branck zu uns erstaunlich höflich und zuvorkommend; auch die Mädchen. Aranka war allerdings anfangs noch schüchterner als ich. . . . . . . . caritas operit multitudinem peccatorum!
Der Abschied von ihr fiel mir sehr schwer als im Frühjahr des Jahres 902 es soweit war, dass Mojmír uns vier Laufburschen an denen er kein Interesse hatte nach Hause schickte. Karadschim war ein Teil der Begleitung bis Preßburg. Nach einem herzlichen Abschied wandten wir uns weiter westwärts und marschierten den Sommer durch Weniam, Triasma nach Linze. Einer der Mitgesellen hatte dort Verwandte, die ihn und seinen Kameraden aufnahmen. Mein Kamerad Stephan und ich bekamen reichlich Verpflegung mit und wandten uns in nordwestliche Richtung. Wir kamen am Kloster Niederenburg vorbei durch Radasbona (eine richtige Stadt mit Kloster, Dom und Mauern) nach Nuorenberk (aus dem Städtchen auf dem Felsenberg könnte noch etwas Großes werden). Zu meinem Glück erwies sich mein Reisegefährte als begnadeter Erzähler, der gegen Verpflegung und Unterkunft mit unseren 'Heldentaten' vortrefflich zu unterhalten wusste. Wir waren ein gutes Gespann, zumindest bis kurz hinter Babenberch. Dort bei Eibingen lag sein Heimathof.
Die Wiedersehensfreude bei seinem Eintreffen war unbeschreiblich - und auch ich wurde genötigt, die nächsten Tage bei ihnen zu bleiben. Dies war kein Wunder, denn die Fragen von seinen Eltern, Geschwistern, Verwandten und Nachbarn ließen einfach nicht nach. Hier merkte ich zum ersten Male, dass es mir schier unmöglich war über Einzelheiten der kriegerischen Begebenheiten zu erzählen; also blieb ich bei den eher unverfänglichen und heiteren Geschehnissen. Doch sein Vater und seine Vetter sahen bei einigen unserer Erzählungen uns und sich in einer Weise an, die vermuten ließ, dass sie aus eigener Erfahrung wussten, was wir eigentlich getan hatten. - Als ich dann nach fast zwei Wochen weiter ziehen durfte, hatte ich mehr als genügend Verpflegung mit auf den Weg bekommen.
Mein Weg führte mich immer weiter nach Norden, an Weilern und Höfen vorbei durch Sulaha nach Selgenthal. Oheim Wernher stand das Wasser in den Augen vor Freude als er mich in die Arme nahm. Er schien in den vergangenen Jahren kleiner und schmächtiger geworden zu sein - und nicht nur drei Jahre älter, sondern eher dreiunddreißig! Auch hatte ich ihn kräftiger in Erinnerung. Es fiel mir nicht schwer, mich von ihm überzeugen zu lassen, dass ich erstmal bei ihm bleiben müsse. Auch er hatte Fragen über Fragen ebenso wie seine Frau (er hatte mal wieder eine) und seine zwei Töchter. Meine Basen waren entweder schüchtern geworden oder ich hatte mich seit dem letzten Familientreffen doch sehr verändert. Wieder beschränkte ich mich überwiegend auf die Schilderungen der Personen und Gegenden seit meiner Rekrutierung. Der Oheim kannte mich doch gut genug und hatte auf seinen Fahrten so viel erlebt und gehört, um heraus zu hören, was ich nicht erzählen konnte. Der Knecht, der zu Mutter und Geschwister geschickt worden war, kam am nächsten Tage zurück: Ich wurde zu Hause sehnsüchtig erwartet.
Und so machte ich mich am nächsten Morgen auf den Weg und stand am Abend nach vielen Hallo und Grüßen durch die Alten in der Siedlung in der Stube, wo ich mich von Mutter und Bruder und Schwester und einigen Nichten und Neffen in den Arm nehmen lassen musste. Sie freuten sich so sehr, dass ich wieder da war, dass sie kaum etwas von meinen Erlebnissen wissen wollten.Es gab aber auch nicht viel, was ich erzählen konnte, denn fast alle meine Erlebnisse handelten von fremden Menschen in fremden Ländern mit fremden Sprachen und Sitten. Ich war nach drei Jahren nach Hause gekommen und war ein Fremder geworden. Meine Mutter hatte wohl auch gedacht, dass der verlorene Sohn ins Elternhaus zurück kehrt und alles ist wieder wie zuvor. Aber die Familie hatte die letzten Jahre ganz gut ohne mich auskommen können und erfolgreich gewirtschaftet. - Bereits nach zwei Wochen hatte ich den Wunsch wieder mit Karadschim zu sehen, zu hören und zu trinken. Und die Erinnerungen an den Abschied von Aranka ...
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Die Glocke ruft zum Gebet - wohlan, es ist an der Zeit, sich wieder auf die Gegenwart zu besinnen .... ... .. .
Die Niederschrift muss warten bis ich wieder zurück bin in der Hoffnung, dass ich bis dahin nicht zu viel vergessen habe.
sit nomen domini benedictum.
pax dominus
amen
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